Ich habe meine liebe Mühe mit negativen Emotionen. Schon früh lernte ich, dass man negative Emotionen bekämpft, sich dagegen wehrt und vor allem immer und sofort eine Lösung dafür findet. Negative Emotionen sind Probleme, Probleme, die gelöst werden müssen. Kein Weg ist zu steinig und kein Hinderniss unüberwindbar. Mein Vater beherrscht diese Technik in Perfektion. Er sieht ein Problem, spürt eine negative Emotion und schon kämpft er dagegen an. Er wehrt sich, er sucht und findet eine Lösung und hört erst damit auf, wenn er wieder mit positiven Emotionen dasteht. Kein Abgrund ist ihm zu tief, kein Loch zu dunkel und noch viel wichtiger, kein Tag ist negativ. Auch wenn alles schief ging, nichts funktionierte, er findet das 1% Positivität.
Ich bewundere das schon mein Leben lang. Es fühlt sich an als gäbe es kein Aushalten müssen, als könnte man jedes Problem lösen und als wäre Negativität nur eine Sache der Einstellung. Negative Gefühle assoziiere ich mit Versagen, mit einer Sache die nicht gelingt, mit Schwäche.
Die Menschen die zu ihren negativen Gefühlen stehen, die bewundere ich aber mindestens genau so.
Ich finde ein Mensch strahlt erst recht, wenn er seine dunkelsten Ecken zeigt, sie mitteilt, ohne Scham und ohne Bewertung der Situation.
Bewertung von Gefühlen, auch so eine Sache. Ich kenne den Automatismus des Bewertens. Schnell ist man dazu geneigt, voreilige Schlüsse zu ziehen. Auch ich bin davon ganz und gar nicht befreit. Genau so wenig wie ich von meinen negativen Emotionen befreit bin…
Ich möchte ausbrechen, die Emotionen auch bekämpfen, Herrin darüber werden, Lösungen finden und das am besten für die ganze Welt.
Einfach drauflos, einfach machen, einfach helfen, einfach Probleme lösen.
Ich kann nicht ertragen oder Dinge an mir abprallen lassen. Ich sauge sie auf, mache sie zu meiner Version und beginne zu kämpfen. Es fühlt sich so an, als würde mein Gegner nicht mitkämpfen. Denke ich darüber nach, so spüre ich die Schläge auf mir selber. Schlag um Schlag bis mein Herz bricht. Es schmerzt, es schreit, es will, dass ich aufhöre und zur Vernunft komme.
Meine Energiereserven schwinden, die Kraft lässt nach und zerstört verkrieche ich mich in eine Ecke und bemitleide mich selber. Alle negativen Emotionen, die ich einfach nur abtöten wollte, kommen mit einer unendlichen Wucht auf mich zurück, prasseln auf mich ein, ein Gefühl von Eisregen auf meiner Seele und die Hoffnung flüchtet.
Dunkelheit und Negativität sind die Bausteine meiner Höhle. Wunden lecken und weitermachen, schreit mein Verstand. Am Boden ist nur, wer das zulässt!
You see the Problem – die Geschichte beginnt von neuem…
Aushalten & Abgrenzen, zwei Dinge, die ich einfach nicht beherrsche. Oft frage ich mich, was wäre wenn wir zu Hause eine andere Kultur mit negativen Emotionen gehabt hätten, was wäre wenn Verlieren, Versagen und Aufgeben keine negative Assoziationen hätten.
Vielleicht ist es mein Schicksal, dass ich aus dieser immer-positiven-Spirale ausbrechen muss, dass ich darüber reden muss und will, dass auch Dunkelheit dazugehört. Dort wo es am dunkelsten ist, dort kann man am meisten wachsen. Die Dunkelheit ist der Ort, wo das Licht NOCH nicht hinkommt, vielleicht auch nie hinkommen wird, aber auf jedenfall gibt es dem Licht seine Bedeutung. Das Licht kann existieren und strahlen, weil die Dunkelheit den Gegensatz dazu bildet.
Warum also nicht auch die Dunkelheit akzeptieren. Nur wenns dunkel ist sehen wir die Sterne und kann uns das Licht des Mondes den Weg weisen. Wir können uns in der Dunkelheit auf andere Sinne verlassen als wenn es hell ist. Unsere Augen sind nicht mehr die vertrauenswürdigste Quelle. Unser Hören, unser Riechen, unser Tasten und unser Schmecken werden zu unseren wichtigsten Begleitern. Wir müssen Sinnen Aufmerksamkeit schenken, die wir bei Helligkeit meist nur nebenbei wahrnehmen.
Könnte es also sein, dass nicht die Dunkelheit uns Angst macht, sondern das Vertrauen…
Vertrauen darauf, dass man auch in der Dunkelheit existiert, sich zurechtfindet und entdeckt. Vertrauen in sich selber und Vertrauen in das Leben.
Vertrauen als Baustein dafür, dass man fähig ist auszuhalten.
Kann man Vertrauen lernen? Kann man Vertrauen kultivieren?
Mut könnte die Antwort sein…
Mutig sein und probieren, mutig sein und sich viellecht täuschen, umfallen, Gefühle einpacken, Learnings mitnehmen und nicht aufgeben!
Mutig sein ist für jeden etwas anderes. Mut kann ganz klein sein, wie bspw. jemandem sagen, wie toll die Hose aussieht, dass der Hosenstahl offen ist oder einfach für sich selber etwas wagen. Befreien von Fesseln der Angst und von Zweifeln. Darüber reden, Scham in Luft auflösen und einfach probieren. Das Gespräch suchen, sich Menschen anvertrauen die Vorurteilslos zuhören, die gemeinsam entdecken und einem begleiten auf dem Weg des Ausprobieren, des Mutigseins.